#1: <common.places>
 
47 Min., Wien 1999
Preis "Innovatives Kino 2000" der Diagonale
German version/ english subtitles; with: Almut Bertha, Veronika Bilger, Aimée Blaskovic, Catrin Bolt, Elisabth Boyer, Meri Dukovski, Elisabeth Dunkler, Ewa Einhorn, Christiane Erharter, Esther Gehring, Karin Grundböck, Sofi Hakansson, Ute Hölzl, Barbara Horvath, Johanna Kirsch, Isabella Kresse, Eva Krivanic, Sabine Marte, Ani Mezaduryan, Sonja Pentke, Monika Platzer, Linda Rukschcio, Maria Schnell, Esther Stocker, Barbara Tinhofer, Natascha Unkart, Vina Yun
Auszug: 03:23 (18 MB)
 
Angriff als beste Verteidigung...
Eine "Oral History sexueller Übergriffe" als Videoprojekt
Ich rede mit keinem Mann, der mir nicht vorgestellt wurde. Auch diese vornehme Haltung kann frau erfolgreich gegen Belästigung schützen. Jedes Mal? Nein,leider genauso selten wie in vergangenen Jahrhunderten. Schlagfertigkeit allein reicht nicht in jedem Fall aus gegen sexistische Aufdringlichkeit.
Damit beschäftigt sich die Wienerin Fiona Rukschcio (Jahrgang 1972) in ihrem Video #01: <common.places> (Diagonale-Preis Innovatives Kino 2000), dem ersten Teil einer Videoserien-Trilogie, die weibliche Selbstverteidigung im weitesten Sinn thematisiert. In 27 Sequenzen erzählen Frauen an nachempfundenen Schauplätzen, auf welche Art sie sich penetrante Typen vom Hals geschafft haben. Eine Art Oral History des sexuellen Übergriffs, ebenso humorvoll wie berührend inszeniert.
Die prekären Begegnungen finden meistens an öffentlichen Orten statt: kalte U-Bahn-Stationen, düstere Straßenzüge oder die Auslage einer Fleischhauerei. Aber auch die eigene Wohnung kann zur Falle werden. #1: <common.places>; bestätigt zudem die triste Tatsache, dass frau auch an einem belebten Ort vor Gewalt nicht sicher ist.
Die Passanten schauen zwar hin, bewegen aber ihre Hintern nicht, weswegen sie von einer Mitwirkenden auch explizit als "Arschlöcher" bezeichnet werden.
Die lapidare Regiearbeit verzichtet auf unnötige Schnörkel - die Akteurinnen betreten das Bild, beschreiben ihr Erlebnis und verschwinden wieder. Es gibt keine kommentierende Stimme aus dem Off, aber eine wild gestikulierende Regisseurin hinter der Kamera - erkennbar an den ratlosen Gesichtern der Frauen, wenn sie aus dem Bild gehen, manche augenscheinlich in die falsche Richtung.
Der pure Dokumentarcharakter ist freilich bei Rukschcio nur ein scheinbarer: Die zurückgenommene Inszenierung lässt Freiraum für die persönliche Variation ihrer Erlebnisse, wodurch sie sich innerhalb der klar strukturierten Versuchsanordnung zu eigenen Interpretinnen, aber auch zu Laiendarstellerinnen im besten Sinne entfalten können.
Was bei der einen zur Heldengeschichte gerät, ist bei der anderen Understatement. Gemeinsam haben sie vor allem den Blickwinkel des Nicht-Opfers. Keine Einzige, auch das ein Verdienst der Vorgaben, nützt die Plattform für egozentrische Selbstdarstellung. Viele sprechen locker, einige sogar fröhlich, nicht allen ist die Angst anzumerken, die sie in der bedrohlichen Situation gespürt haben.
Vielleicht deshalb, weil es immer Stärke erfordert, sich aus einer Gefahrensituation zu manövrieren. Nur phasenweise lässt die verbalisierte Erinnerung auch den Schrecken sichtbar wieder aufsteigen.
Die unterschiedlichen Abwehrstrategien entwickeln sich meist aus Temperament und Instinkt. Angriff ist dabei immer noch die beste Verteidigung. Dabei geht es der Regisseurin weniger um Vergewaltigung als Verbrechen, sondern um die genormten und standardisierten Übergriffe, die noch am Patriarchen-Stammtisch für Belustigung sorgen und für die Männer oft kein Sensorium haben. Häufige Argumente: "Sei doch nicht so!" oder, in verschärfter Form: "Tu's für mich!" Selbst für jämmerliche Psycho-Betteleien ist sich der Mann aus dem Freundeskreis bisweilen nicht zu schade. Fiona Rukschcio wollte "die Bilder, die ich sehen will, selber machen".
Abseits vom grotesken Klischee der "starken Frau" (viel strapaziertes Motiv der patriarchalen Bildproduktion) zeigt sie, wie sich Frauen in der Realität gegen sexuelle Belästigung tatsächlich wehren oder gewehrt haben. Individuelle Verteidigungstaktiken, die vielleicht nur unter Freundinnen weiter erzählt werden, sollen öffentlich zugänglich gemacht werden.
Die Regisseurin setzt damit einen gesamtgesellschaftlichen Erfahrungsaustausch in Gang, der aufmunternd wirkt und sogar Lust auf Verteidigen und Verteidigungsbereitschaft als Aktivität an sich macht.
Denn nach einer erfolgreich abgewehrten Attacke steigt das Selbstbewusstsein und beim nächsten Mal ist die Frau vielleicht schon gewappneter - oder erinnert sich an die Ratschläge eines Mädchens aus dem Video, einfach wild drauflos zu furzen und zu rülpsen oder unappetitlich in der Nase zu bohren, sobald männliche Gefahr droht. Mit unweiblichem Benehmen soll schon so mancher edle Ritter in die Flucht geschlagen worden sein und nachdrücklichen Respekt kann die Frau sich ohnehin nur durch Ablegung der typischen Weibchen-Rolle verschaffen.
In Zeiten von Reality-Soaps und Reality-Dokus, mitten im viel beklagten Triumph des Banalen, wirken Fiona Rukschcios Siegerinnen liebenswert und konzentriert. Eine schildert schmunzelnd, wie sie einen anonymen Anrufer, der sie mit Obszönitäten ("Ich bin so geil") quält, völlig aus der Fassung bringt. Sie spricht ihm seine Geilheit ab und erklärt, dass echte Geilheit für sie ganz anders klingt. Der Anrufer wird unsicher, muss sich gar verteidigen, er sei "wirklich geil, doch" und legt den Hörer schließlich entnervt auf. Hier bedient sich die Belästigte einer männlichen Waffe: Sie setzt die Standards, nach denen getanzt wird.
Linda Stift
 
#1: <common.places>
Fiona Rukschcio vereint in ihrem Video <common.places> die Erzählungen von 27 Frauen über den ganz "normalen" Belästigungsalltag, dem jede Frau in jeder Situation ausgesetzt sein kann. <common.places> erzeugt eine unmittelbare Konfrontation mit dem alltäglichen Sexismus, indem sie Situationen der Belästigung ohne jegliche Stilisierung und Überzeichnung beschreibt - fortlaufende Grenzüberschreitungen an allen Plätzen zu jeder Zeit, die Frauen in ihren Privaträumen, an öffentlichen Orten, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Arbeits- und Ausbildungsverhältnissen widerfahren.
Sie läßt den BetrachterInnen durch die clipartige Aneinanderreihung der einzelnen Sequenzen keine Möglichkeit sich zu entziehen. <common.places> ist kein kunstvolles arrangiertes und symbolbefrachtetes Phantasiegebilde, sondern ein klar strukturiertes, unverzerrtes Abbild der alltäglichen Realität.
Fiona Rukschcio bedient sich in <common.places> keiner Klischees, sie benötigt keine aufwendige, marktschreierische Inszenierung, keine Requisiten aus einem "shop of horror", um Spannung zu erzeugen. Sie präsentiert nicht die Spitze des Eisbergs, sondert eröffnet einen Zugang zu dem Teil, der im Verborgenen liegt, der keine mediale, quotenträchtige Verwertbarkeit in sich trägt, dem Frauen aber in einer auf patriarchalen, männerbündischen Strukturen basierenden Gesellschaft selbstverständlich tagtäglich ausgesetzt sind.
Sie läßt Frauen die verschiedenen Belästigungssituationen an den entsprechenden Orten beschreiben, so daß die Betroffenheit der Betrachterin mit jeder weiteren Erzählung steigt. Und: es gibt am Ende nicht mehr die Möglichkeit zu sagen, "das geht mich nichts an, mir könnte so was nie passieren" - im Gegenteil: <common.places> erzeugt eine Reflexion der eigenen Geschichte auf der Suche nach genau diesen, teilweise fast unsichtbaren, alltäglichen Belästigungen im weitesten Sinne.
Das Bild vom "bösen Unbekannten", der an dunklen Straßenecken auf seine Opfer lauert, wird sukzessive demontiert. Wohl wird dieser Typus als eine Variante nicht verleugnet, doch die Grenzüberschreitungen finden genauso in der unmittelbaren Umgebung in den verschiedenen Beziehungen zu Männern statt. Es sind schlußendlich auch die Freunde, Bekannten, Arbeitskollegen, Kunden, Studienkollegen, Verwandten, die die physischen und psychischen Grenzen der Frauen mißachten, die sie begrapschen, bedrohen, beglotzen, bequatschen und Abhängigkeitsverhältnisse zum eigenen Vorteil ausnützen wollen.
<common.places> beschränkt sich nicht nur auf die eindringlichen Beschreibungen der verschiedenen Situationen, die bloßen Sichtbarmachungen als "commonplace", im Sinne von "Gemeinplatz", der Frauen zu armen Opfern von bösen Männern macht und sie dadurch nochmals entmündigt und ihres Subjektstatus´ beraubt. Die Erzählungen beinhalten gleichzeitig auch eine breite Palette an Strategien, wie sich Frauen erfolgreich zur Wehr gesetzt haben, wie sie ihren Stolz, ihre Integrität - sei es ihre eigene, sei es die anderer Frauen - verteidigt haben.
Fiona Rukschcio gelingt es durch die Aneinanderreihung der verschiedenen Erzählungen in beeindruckender Weise, eine Fülle an Möglichkeiten zu präsentieren, deren Wirkungen schlichtweg ermutigend und befreiend sind. Auch auf dieser Ebene geht es nicht um spektakuläre und sensationelle Aktionen der Gegenwehr - die Frauen werden nicht als phantasmagorische Heldinnen und/oder unerschrockene Meisterinnen der Selbstverteidigung inszeniert, die gegen das allumfassende Böse kämpfen. Unsicherheit und Angst haben ihren Raum, aber eben nicht ausschließlich. Genau dadurch werden die Frauen zu beispielgebenden Akteurinnen, sie bewahren durch ihre Ideen, ihre Schlagfertigkeit und Zivilcourage ihren Subjektstatus und lassen sich nicht länger auf die ihnen gesellschaftlich zugewiesene Opferrolle reduzieren. Nebenbei bemerkt: immer sehr zur Verblüffung der grenzüberschreitenden Männer! Sehr deutlich wird in diesem Zusammenhang auch, daß die Auseinandersetzung mit eben dieser Rolle für jede Frau (über-)lebensnotwendig ist, denn nur dadurch kann es gelingen, den fast selbstverständlichen Grenzüberschreitungen Einhalt zu gebieten.
<common.places> zeigt darüber hinaus auch noch ein ganz anderes wesentliches Element auf, nämlich die Wichtigkeit der Solidarisierung von Frauen untereinander. Fiona Rukschcio vermittelt diese Wichtigkeit niemals aufdringlich - und gerade deshalb aber umso wirkungsvoller. Sie erinnert alle Frauen daran, daß ihnen kein nur sie persönlich betreffender individueller "Schicksalsschlag" widerfahren ist, sondern daß die patriarchatimmanenten Grenzüberschreitungen jede Frau in den verschiedensten Situationen treffen können. Ansprechen und Thematisieren sind die zentralen Botschaften, um die Sinne zu schärfen in Bezug auf die nahezu banalen Alltagssituationen, um gemeinsame Möglichkeiten zu entwickeln, um einander Mut zu machen und einander anzuerkennen in den verschiedenen Strategien.
Es sollte für Mädchen und Frauen gleichermaßen zum Common Sense werden, dieses Video zu sehen!
Harriet Leischko
 
Pressestimmen:
 
"27 junge Frauen beschreiben in kurzen Szenen Alltagserlebnisse sexueller Belästigung und ihre Strategien, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen. Das Spektrum der Grenzüberschreitungen ist ebenso breit wie das der "Tatorte", an denen die Frauen erzählen."
Diagonale 2000, Pressetext
 
"(...) Eine Art Oral History des sexuellen Üvergriffs, ebenso humorvoll, wie berührend inszeniert (...)."
Linda Stift, Wiener Zeitung, 27.10.2000
 
"(...) Ein leerer Raum, ein Auftritt. Eine kurze Erzählung, ein Abgehen. 27 solche Szenen zeigt Fiona Rukschcio, in denen Frauen über ihre Erfahrung mit sexueller Belästigung berichten: Auf teils komische Weise, die auf eine (Selbst-) Ermächtigung durch Erfahrungsaustausch abzielt,den didaktischen Gestus allerdings durch die formale Gelassenheit auflöst."
Isabella Reicher, Standard, 3.4.2000
 
"Jean-Luc Godard traf einmal die feine Unterscheidung zwischen "politisch Filme machen" und "politische Filme machen". #1:<common.places> lässt sich der ersteren Kategorie zurechnen."
Christian Cargnelli, Falter 14/2000