Bill Posters will be prosecuted
 
GB 1999 / A 2002, 23 Min
Mit: Barbara Sankofi, Althea Greenan, Dirk Daufeld, Iris Ranzinger, Alexandra Simperler, Elfriede Wielander u.a., Stimme: Andrea Schuster, Musik: Almut Bertha
Auszug: 02:14 Min (6,3 MB)
 
England 2095:
The rate of violence against women and children has dropped significantly.
Why?
Let's go back to London in the 1990s and you will see...
 
"Bill Posters will be prosecuted" ist ein utopischer Videofilm, der von einer anonymen Frauengruppe ("The Group") handelt, die den Auftrag erhält, sich an einen von Gericht freigesprochenen Vergewaltiger (Bill Posters) zu rächen.
Sie warnen ihn auf verschiedenen Wegen (Bill Posters will be prosecuted) und geben ihm Zeit, sein Verhalten zu ändern, doch Bill macht weiter, und so liegt es an zwei Frauen der Gruppe, den Fall zu Ende zu führen und ein Exempel zu statuieren...
Dieses Video, das als Diplom im Juni 2002 auf der Akademie der bildenden Künste Wien fertiggestellt wurde, behandelt ein gleichsam tabuisiertes wie auch filmisch für den "männlichen Blick" ausgeschlachtetes Thema: Gewalt gegen Frauen.
"Bill Posters will be prosecuted" geht aber einen Schritt weiter, indem von der Vergeltung auf geschehenes Unrecht, basierend auf Frauensolidarität, erzählt wird.
 
 
Fiona hat mir erzählt, dass sie in London überall und in aller Öffentlichkeit: "Bill Posters will be prosecuted" affichiert sah - eine - für sie- unübersehbare Warnung an einen Herrn Bill Posters an möglichen und unmöglichen Orten: sichtbar - wahrnehmbar -präsent.
"Bill Posters will be prosecuted" heißt jedoch übersetzt: "Gesetzwidriges Plakatieren wird gerichtlich geahndet".
Für Frauen, die sich mit sexueller/sexualisierter Gewalt gegen Frauen auseinandergesetzt haben - und fast alle Frauen und Mädchen haben sexuelle Gewalt in der einen oder anderen Form selbst erlebt und erlitten - wird damit eine Sehnsucht berührt: Er, der Täter, der für die vielen Täter steht soll endlich bestraft werden, einerseits.
Die immer noch in ihren Ausmaßen und Folgewirkungen in der Öffentlichkeit verdrängte und verniedlichte Tatsache sexueller Gewalt gegen Frauen soll genauso sichtbar wahrnehmbar präsent sein wie die überall sichtbaren Poster andererseits.
Der Film kann in diesem Sinn verstanden werden: dem in sicherlich vielen Frauen schlummernden Wunsch nach Vergeltung und Öffentlichkeit Bilder, Worte und eine Handlung zu geben.
Ich selbst arbeite schon viele Jahre als Beraterin und Therapeutin mit vergewaltigten und missbrauchten Frauen und Mädchen. Ich weiß, dass die Verniedlichung und Verdrängung der Erfahrungen durch das soziale Umfeld und das Totschweigen in der Öffentlichkeit als gesellschaftliches Thema einen beträchtlichen Teil des Leidens ausmachen:
"Wird schon nicht so schlimm gewesen sein", "Sei nicht so hysterisch", "Du hast es eh selbst gewollt", "Du bist selbst schuld", "Jetzt hast du das immer noch nicht verarbeitet", "Stell' dich nicht so an" sind gängige Sätze aus welchen das Nicht-Verstehen prahlt und die betroffenen Frauen immer aufs Neue trifft - und schwächt: in ihrem Selbstbewusstsein ein und ihrer persönlichen Integrität.
Unbedingt wichtig und schön an dem Film ist auch die andere Seite, die ich genauso gut kenne: der Stolz der Frauen, ihre Überlebenskraft und ihr Lebenswille. Sie organisieren sich, wehren sich, widersetzen sich: nicht nur dem jeweiligen Täter sondern auch der gesell-schaftlichen Ignoranz.
Sie billen die Posters. Sie schaffen Öffentlichkeit. Sie sind an vielen Orten hörbar und sprechen aus den verschiedensten Medien: Fernsehen, Computer, Laptop: "Big sister ist watching them". Sie verfolgen sie unermüdlich auf den Strassen, Treppen, Plätzen. Sie kämpfen für die soziale Ächtung der Täter.
Die angedeutete Kastration steht für die Utopie des Endes sexueller Gewalt.
Und sollte meiner Ansicht nach nicht der Anlass sein, sich von dieser Geschichte abzuwenden. Sondern als Aufforderung verstanden werden sich ihr zuzuwenden, hinzusehen um das Bedürfnis und den Willen der betroffenen Frauen nach adäquater Vergeltung verstehen und akzeptieren zu können.
Schließlich bin ich der Ansicht, dass niemand die Welt begreifen kann, der/die sich ihr nicht zuwendet und damit zwangsläufig auch ihren grausamen und zerstörerischen Seiten und deren Auswirkungen. Es geht nicht um Beileid oder Kopfschütteln und Ausgrenzung, sondern um Aufmerksamkeit dem gegenüber, was alles der Fall ist.
In diesem Sinne: Es können nicht genug Posters gebillt werden.
Regina Trotz
 
England 2095: Die Zahl der Verbrechen gegen Frauen, Mädchen und Kinder ist erheblich gesunken. Warum? Fiona Rukschcio geht mit ihrem Kurzfilm Bill Posters will be prosecuted zurück in die 1990er, um die Gründe zu erfahren: Der scheinbar sympathische, junge Mann Bill Posters schlug und vergewaltigte seine Ehefrau. Er wurde vor Gericht freigesprochen und entschied sich, in der Großstadt London unterzutauchen. In der Zwischenzeit benachrichtigte seine Ex-Ehefrau eine anonyme Frauenorganisation "The Group" in London, die gegen sexuelle Belästigung und Vergewaltigung auftritt. Das Ziel der Organisation ist klar formuliert: Das Ende der Gewalt gegen Frauen.
Rukschcio greift die sensible Thematik der Gewalt, die heikle Geschichte vom männlichen Täter und vom weiblichen Opfer auf. Opfer ist keines zu sehen. Aktivistinnen sind ihre Protagonistinnen: Frauen, die sich vernetzen und koordinieren, die für Betroffene individuelle Pläne aushecken und durchführen. Sie überwachen den Täter, verfolgen und warnen ihn mehrmals. Bill Poster belästigt jedoch weiterhin Frauen. Die narrative Erzählung, verpackt in unkonventioneller Ästhetik, verfehlt ihre Aussage nicht und Bill Posters erhält eine dem Delikt angemessene Behandlung. - "He never raped a woman again!"
Die Geschichte zeigt, was in der Kunst nicht gezeigt werden soll, was in der Gesellschaft nicht sein darf. Frauen, die sich durch Selbstjustiz ermächtigen und dabei noch die Sympathie des Publikums gewinnen. Rukschcio stellt Fragen nach der (Re-)Präsentation von Gewalt gegen Frauen und schlägt unkonventionell-satirische Gangarten vor, die sowohl der Ernsthaftigkeit der Thematik gerecht werden, als auch auf den Humor nicht vergessen.
Rosemarie Reitsamer
 
England im Jahr 2095.
Die Anzahl der gegen Frauen, Mädchen und Kinder verübten Gewalttaten ist maßgeblich zurückgegangen.
Warum?
London in den 1990ern.
Eine Frauengruppe, anonym und dezentral organisiert, kämpft gegen Vergewaltigung, sexuelle Belästigung, körperliche Gewalt und Ermordung von Frauen - kurz: gegen "das Monopol männlicher Gewalt in westlichen patriarchalen Gesellschaften". Die Gruppe bietet Selbstverteidigungstrainings und nimmt sich einzelner ihr berichteten Gewalttaten an: Analytisch präzise und immer parteilich für die Frauen und Kinder.
Ein Beispiel: Bill Posters vergewaltigt und schlägt eine Frau, sie zeigt ihn an, er wird vor Gericht freigesprochen.
Die Frau, sicher, dass der Täter wieder gewalttätig wird, informiert die Gruppe. Und diese beschließt, an Bill Posters ein Exempel zu statuieren. Damit die Männer in Hinkunft wissen: Big Sister is Watching Them. Die Kämpferinnen schreiten zur Tat. Agentin M. lernt schießen und bastelt sich eine Nahkampfwaffe, in Größe und Form einem Fingerhut ähnlich.
Agentin L. beschattet Bill Posters in der Disco.
Agentin M. läßt sich von Posters anquatschen, er schleppt sie zum Dinner und versucht schließlich, sie gegen ihren Willen zu küssen. Als sie ihre wahre Identität enthüllt, haut er ab - Agentin M. samt Kamera hinterher: Verfolgungsjagd durch Londons regennasse, abfallgesäumte Straßen, verwackelte, körnige Bilder. Und immer dieser schiefe, wie handgebastelte Bildrahmen.
Schließlich stellt Agentin M. den Mann, verprügelt ihn, und lässt ihn zurück. Tage später ergeht Nachricht an die Gruppe. Wieder hat Bill einer Frau Gewalt angetan. Die Gruppe handelt erneut. Die Frauen kleben Plakate mit Namen und Steckbrief des Mannes auf Autos und Außenwände. Die soziale Ächtung funktioniert. Aber der Mann vergewaltigt wieder eine Frau. Nun tritt Plan X in Kraft: Agentin S. und Agentin P., ausgebildete Krankenschwestern, führen ihn aus. Und zwar derart, dass Bill Posters bestimmt keine Frau mehr vergewaltigen wird.
Schnitt.
Stimme aus dem Off: Wenn Du nach London kommst, halte Ausschau nach den Plakaten. Einige hängen noch immer als Mahnung: Bill Posters will be prosecuted!
(Nachsatz 1: "Bill Posters will be prosecuted" heißt im Deutschen auch "Unerlaubtes Plakatieren wird strafrechtlich verfolgt").
(Nachsatz 2: Erstes großes Screening des Videos im Votivkino im November 02. Hingehen. Anschaun. Kichern. Diskutieren.)
Johanna Schaffer