Fiona Rukschcio attackiert das Dispositiv "populäre Medien/Publikum" mit den Mitteln des Exzesses. Sie kann nicht genug kriegen von dem Hyperangebot an konsumierbaren Medien- und Popstars oder Statisten der Unterhaltungspresse, von den immer neu gemixten Ingredienzien, aus denen triviale Mythen und politische Wahrheiten produziert werden. Ihr Trick ist, dass sie selbst dabei ist, mittels einmonierter Passbildautomatenfotos; Außerdem kommentiert sie die nun neu geschaffene Situation mit eigenen Texten. Sie fragt sich/uns: "Bin ich ein Spice-Girl?" und nimmt aber ebenso gern den Platz eines Politikers ein. Nicht oihne Hintergedanken beklebt Rukschcio mit ihren Montagen die Schachteln von fernsehbeworbenen Schokoladebonbons, um damit die metaphorische Schleife ihres Themas sozusagen zu schließen.
Silvia Eiblmayr, 1998
 
Ganz ähnlich wirken die Collagen von Fiona Rukschcio, die tagebuchartig das Leben der Künstlerin begleiten, wie die immer auf's Neue notwendige Versicherung, dass kein Bruch zwischen den medialen Identitätsmodellen und dem eigenen Leben besteht. Sie klebt ihr eigenes Gesicht und das von Menschen aus ihrer Umgebung in Bilder aus der Presse oder vom Flohmarkt und bestätigt damit die Identitätskonstruktionen, die sich mit ihnen verbinden. Gleichzeitig wird der konstruktive Charakter solcher Bilder offengelegt, denn jede Collage ist deutlich als solche erkennbar und führt bei aller Passgenauigkeit ein Eigenleben, das sie als Fremdkörper in der jeweiligen Umgebung erkennbar macht.
Reto Krüger, 2003
 
Wer sucht wen oder was?
Das Ausgangsmaterial für die Collagen von Fiona Rukschcio bildet Found Footage aus Printmedien und Werbeprospekten, das sie häufig mit Malerei verbindet. In atmosphärischen Settings im Kreis der ProtagonistInnen aus Celebrity und Entertainment Gossip performt die Künstlerin vielfach selbst in unterschiedlichen Rollen und Posen: Fremde und eigene Identitätsentwürfe treffen unvermittelt aufeinander. Transformierte Textfragmente mischen sich unter die Schnappschüsse und Appetizer des medialen Alltags; durch ihren assoziativen Einsatz produzieren sie Mehrdeutigkeiten, und die wörtlichen Einschübe gewinnen selbst dem Kalauer Qualitäten ab.
In disparaten Settings und von der Künstlerin am Gängelband der Sprache geführt, spielen die AkteurInnen solange mit den Codes und Implikationen des Ausgangsmaterials, bis sie TeilhaberInnen der gemeinsamen Produktionsstätte sprichwörtlicher Unsinnigkeiten sind. Fallweise streifen sie ihre medialen Identitätskonstruktionen ab: Kopflos tummeln sie sich dann in (Freizeit)destinationen, wo nicht nur sie zu posen scheinen, sondern auch die Landschaft.
Doch die Frage nach Sein oder Schein ist hier völlig deplatziert, weil wir alle posen -auch der Landschaft lässt sich nur was abgewinnen unter dem Aspekt der Inszenierung. Und die Frage: Wer sucht wen oder was? ist letztlich irrelevant, denn die Umgebung sind wir.
Nicola Hirner, 2005
 
RRRoma
Limoncella-Schnaps, selbst gemacht, mit Spiritus aus der Apotheke und billigen Zitronen vom Markt, wir hätten blind werden können, aber vielleicht rettete uns das von Fionas angesetztem Kefir in der "Früh", also dann, nachdem wir aufgestanden waren. Dieser seltsame Pilz, der in der Küche sein geheimnisvolles Eigenleben entwickelte, der Tag für Tag größer und verzweigter wurde, immer wieder sorgfältig abgewaschen, und ein Getränk produzierte, das all den Schnaps und Campari und Rotwein des Vortages vergessen machte.
Undefinierbare Schnipsel, Uhu, Ausschnitte aus Illustrierten überall, Fotoromane auf kleine Leporellos geklebt, die sich ziehharmonikaartig auffalten ließen, und, wieder zusammengeklappt, bequem in die Rock- oder Hosentasche gesteckt werden konnten. Liebesgeschichten auf DIN-A3-Bögen, hundertmal Fionas Gesicht auf winzigen Quadraten, Fionas Kopf viel zu groß auf Frauen- und Männerkörpern, auf Tieren, so vieles auf das vorgegebene Format einer Postkarte gehäuft. Die Videokamera mit der blumenumklebten Linse, so wurde gefilmt, blumenumkränzt und immer leicht verwackelt, das sommerliche Hitze-Rom war die dankbare Kulisse.
Hatte Fiona Kopfweh, setzte sie eine Strickmütze auf und blieb in ihrem winzigen Zimmer liegen, das wie eine ihrer Collagen aussah, begehbar allerdings, und man konnte sich darin genauso verlieren wie in ihren Montagen und Dinge entdecken, die einem nie zuvor in den Sinn gekommen wären, aber dann wie selbstverständlich erschienen. Unten auf der Straße knatterten die Vespas vorbei, wurden Rolläden hinaufgezogen oder heruntergelassen, tuschelten die Touristen in einem stetig sich wiederholenden Singsang. Hier hätte man ihre selbst entworfenen "self defending earflaps" gut gebrauchen können. Während ich auf einem geborgten Laptop Tetris übte, telefonierte sie auf italienisch: pronto, prontooooo. Und Flohmärkte. Immer wieder Flohmärkte. Ohne Flohmarkt war sie ein halber Mensch, immer wieder musste neues Altes herangeschafft werden, Kleider, Lampen, Kameras, chinesische Kistchen, aus denen künstliche Vögel sprangen und zwitscherten, Brillen und geheimnisvolle Geräte, uns längst fremd geworden, und von ihr wieder zusammengefügt zu neuen Funktionen oder Bedeutungen.
So vergingen die Tage und Wochen und plötzlich gibt es ein Bilderbuch, auf das man schon die längste Zeit gewartet hat, ohne es zu wissen.
Linda Stift, 2005
 
"malaucoccyx" (frz. Steißbeinschmerzen) ist kein Bilderbuch über die Volkskrankheit Nummer Eins, der geheimnisvolle Begriff vermittelt eher etwas von der Atmosphäre, die in den Collagen Fiona Rukschcios spürbar wird. Collagen wie Tagebuchnotizen, 1997-2005 in Rom, Paris, London und Wien entstanden, aus Schlagzeilen und Zeitungsfotos zusammengeschnitten und -geklebt, in gemalten, skizzierten Räumen und Landschaften. Und in jeder dieser bewegten, oft widersprüchlichen Szenen erscheint ihr aus Passfotos ausgeschnittenes Gesicht.
So erprobt Fiona Rukschcio die diversen Rollen und Posen, die Politik, Presse oder ein journalistisch aufbereiteter Feminismus anbieten und lässt ihren Wunsch nach Identität und Identitätswechsel mit den öffentlichen Erwartungen und Clichés komisch und melancholisch aufeinanderprallen.
Selbstbilder werden erprobt, Kommentare, Handlungsanweisungen, Gedankenblitze wie absurde Befehle, die erschrecken und dann ihre Komik preisgeben: Jeden Tag eine Provokation / wohin führt das? Fiona Rukschcios Collagen sind Zeugnisse einer neuen feministischen Position: spielerisch im Umgang mit den Medien und dem Material, gleichzeitig Mögliches und Unmögliches kombinierend und verwerfend, auf der intensiven, spannungsreichen Suche nach einer Identität, in der doch fast alles offen bleibt.
Johannes Schlebrügge, 2005